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28.09.2006

"Du sollst dir kein Bildnis machen" ...

schreibt der Schriftsteller Max Frisch in seinem Tagebuch zwischen 1946 und 19949. Max Frisch kennt unsere menschliche Neigung, sich von den Menschen ein Bild zu machen, sie auf eine Rolle festzulegen und sich in eine Rolle drängen zu lassen. Es ist fast unmöglich da wieder herauszukommen. Vorurteile sitzen tief.

 

Max Frisch nennt das "Gegenmittel" gegen solche Festlegungen: die Liebe. "Die Liebe befreit aus jeglichem Bild," schreibt er. "Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, daß wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben; solang wir sie lieben." Das Lieblose ist, dass man sich ein Bildnis macht, sie oder ihn festlegt auf den eigenen Entwurf: Nur wenn du so bist, wie es möchte, liebe ich dich.

"Du sollst dir kein Bildnis machen", heißt es auch von Gott im Dekalog, den zehn Geboten. Unsere Neigung jemand festzulegen auf unseren Entwurf macht auch vor Gott nicht halt. Du sollst dir von Gott kein Bildnis machen, heißt doch, Gott nicht ernst zu nehmen, ihn seiner Souveränität zu berauben. Wenn wir uns ein Bild machen, dann meinen wir ihn zu kennen und berechnen zu können. Ist das nicht auch das Ende der Liebe zu Gott? Anselm von Canterbury schreibt: "Gott kann nur durch Gott erkannt werden."

Auf humorvolle Weise erzählt diese Geschichte davon, dass Gott anders in unser Leben treten kann, als wir meinen.

In einem kleinen Tal droht Hochwasser. Ein Mann eilt mit seinem Auto zum Haus des Rabbis, um ihn in Sicherheit zu bringen. "Nicht nötig", antwortet der fromme Mann, "der Herr wird mich schon retten." Als der Rabbi schon wegen des Hochwassers in den ersten Stock geflüchtet ist, kommt ein weiteres Gemeindemitglied vorbei, mit einem Boot, um den Rabbiner zu retten. "Nicht nötig, der Herr wird mich schon retten." Am Schluss sitzt der Rabbi auf dem Dach, so hoch ist das Wasser inzwischen gestiegen. Ein Hubschrauber kommt, um den Rabbi zu retten. Aber auch der Pilot bekommt die gleiche Antwort wie seine beiden Vorgänger. Schließlich ertrinkt der Rabbi - und steht klagend vor seinem Gott: "Herr, wo warst du? Warum hast du mich nicht gerettet?" - "Nun", antwortet Gott, "ich habe dir ein Auto geschickt, ein Boot und sogar einen Hubschrauber. Die Frage ist doch: Worauf hast du gewartet?

Ihr Hans Schmitt, Pfarrer in Schwelm

 

Barmherziger Gott,

lass uns Wege finden, dich im Gebet zu erwarten

und deinen Blick zu empfangen,

der voll Liebe auf dem Leben eines jeden ruht.

Amen

Frère Roger

 


 
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