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01.10.2009

"Danke" sagen - nein danke?!

Gedanken zum Erntedankfest   Am 4. Oktober feiern wir wieder das Erntedankfest. Gott "danke" zu sagen, fällt immer mehr Menschen immer schwerer. Der Bezug zu Saat und Ernte ist vielen schlicht abhanden gekommen. Wenn sie aber darüber nachdenken, kommt ihnen eher das Klagen als das Danken in den Sinn - und das nicht zu unrecht. In der Tat: Die Überproduktion in der europäischen Landwirtschaft und der Preisverfall landwirtschaftlicher "Ernte-Produkte" stürzen viele landwirtschaftliche Familienbetriebe in tiefe Existenznöte. Hier für die gesegnete Ernte zu danken fällt schwer. Die Agrarpolitik der Europäischen Union lässt nicht nur die unmittelbar Betroffenen, sondern auch viele Bürger/innen zu Recht klagen. Immer weniger Betriebe können in unserem Land noch am Markt bestehen. Gleichzeitig gehen die Agrarsubventionen weiter auf Kosten vieler Entwicklungsländer, die ihre Produkte auf dem Weltmarkt nicht mehr zu existenzfähigen Preisen absetzen können. Landwirtschaftliche Produkte werden inzwischen nicht mehr ausschließlich für Nahrungsmittel, sondern zur Produktion umweltfreundlicher Treibstoffe geerntet. Auch diese Entwicklung verschärft den Hunger in der Welt. Wie soll man da Gott noch danken können für die Ernte?

Michael Mertins ist Pfarrer in den Kirchengemeinden Milspe und Rüggeberg

 

Wir Protestanten/innen sind ja immer gut im Problematisieren. Aber haben wir dabei nicht schon unsere Unmittelbarkeit und unsere Spontanität des Dankens verloren oder sie nicht zumindest eingebüßt. Für manche gehört eben dieser Verlust zum reflektierten und reifen und verantwortungsbewussten Christsein dazu. Danken ja, aber nur mit dem eindringlichen Appell zur Kurskorrektur. Danken aus Tradition, aber Mahnen aus aktuellem Bewusstsein. Mit vollem Herzen schaffen wir es nur noch selten: zu danken und die Probleme zu sehen. So wundert es nicht, dass im Protestantismus das Feiern immer etwas spröder ausfällt als bei unseren katholischen Schwestern und Brüdern. Wir sind einfach problembewusst und verantwortungsvoll, dabei aber eher schwer beladen als reich beschenkt. Was soll das nur werden mit dem Erntedankfest?

Ich war vor wenigen Tagen im Kindergarten Wichernhaus und habe dort mit den Kindern den Familiengottesdienst für Erntedank vorbereitet. Die Kinder staunten über das, was ich ihnen mitgebrachte: das winzige Weizenkorn und das große Fladenbrot, der fast unsichtbar kleine Traubenkern und die riesige Traube mit den vielen Beeren. Sie wunderten sich über die Lebenskraft, die Gott in das Korn und den Kern gelegt hat. Und sie staunten über das Wunder von Wachstum und Reife. Und wir dankten Gott für die Ernte, indem wir alle gemeinsam das eine große Brot und die Trauben aßen. Es reichte für 50 Kinder, die sich alle daran freuen konnten. Es gab kein Raffen, kein Streiten, keinen Neid. So oder so ähnlich muss es bei der wunderbaren Brotvermehrung damals bei Jesus und den 5000 Menschen gewesen sein. Auf jeden Fall wurde mir mal wieder klar, warum Jesus uns Erwachsenen ausgerechnet Kinder als Vorbild für den Glauben vor Augen und vor das Herz gestellt hat. Von ihnen können wir lernen, wieder über das Wunder des Lebens zu staunen. Von ihnen können wir wieder lernen, uns über das Geheimnis von Wachstum und Ernte zu freuen. Am Sonntag werden die Kinder den Erwachsenen im Familiengottesdienst das Erntedankfest erklären. Ob sie es schaffen werden, die Großen zum Danken zu bewegen?

Es geht dabei ja nicht darum, dass wir die Welt und ihre Probleme so schlicht sehen sollen wie kleine Kinder, die komplexere Probleme noch nicht durchschauen und hinterfragen können. Es geht vielmehr darum, dass wir gerade bei all unserem Problematisieren das Staunen und die Freude über das Leben nicht verlieren. Wer erst danken kann, wenn er keine Probleme mehr sieht, der wird niemals in dieser Zeit ein fröhliches und erfülltes Herz erlangen. Vielleicht haben wir ja in unserem Land, in der Europäischen Union und im weltweiten Wirtschaften so viele Probleme, weil wir das Staunen, die Freude und das Danken verloren haben. Wir reden von Produktion und Preisen, von Gütern und Waren, nicht aber mehr von Erntegaben. Hände, die danken, sind geöffnet zum Himmel. Sie empfangen und sie teilen aus. Hände aber, die nicht danken, sind geschlossen, raffen die Güter und halten den Besitz fest, den sie haben. Die Kinder konnten staunen, konnten danken und darum war es ihnen kein Problem das Brot und die Trauben untereinander zu teilen ohne Streit.

Am Sonntag will jedes Kind zum Erntedankgottesdienst einer Gabe mitbringen, die etwas mit dem Lieblingsessen zu tun hat. Denn die Kinder wollen Gott "danke" sagen, indem sie ihre Gaben mit denen teilen, die auch unter uns Mangel leiden und Essen aus Tafelläden beziehen müssen.

Häufig sagen Erwachsene zu Kindern den Spruch: "Aber immer schön Danke sagen" - diesmal erinnern uns die Kinder daran, das "Danke"-sagen nicht zu vergessen und mit anderen zu teilen, was uns gegeben wurde. Was zu gerechter Teilgabe führt beginnt aber im Kleinen, nämlich mit dem Staunen und mit der Freude über Gottes große Schöpfergüte. Ich wünsche Ihnen und uns allen ein fröhliches Erntedankfest.

 

Pfr. Michael Mertins


 
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