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02.05.2018

"Er war ein Teil von mir..."

Wir saßen auf La Palma fest. Wegen eines Orkans flog kein Flugzeug mehr. Es folgte eine Nacht im Schlafsaal in einer Kaserne. Allein die Erfahrung, in einem nicht mehr benötigten Flüchtlingsquartier zu schlafen, war wertvoll.

Pfarrer Dirk Küsgen

Es standen 70 Etagenbetten für 140 Leute in einem Raum. Es wurde nicht nach Geschlechtern getrennt. Von links oben herab erzählte eine Frau, sie sei zum ersten Mal allein im Urlaub war und dann passiere gleich so etwas. Ihr Mann war vor einem Jahr an Krebs gestorben. Sie wusste nicht, dass ich Krankenhaus-Seelsorger bin. Ich hörte erst einmal zu.

Rechts oben lag wirklich ein junger Mann in Zimmermanns-Kleidung. Sein Anblick brachte mich auf eine kuriose Idee: Wurde Gott incognito Mensch, um sich besser in uns einfühlen zu können? Bis er 30 war, lebte Jesus vermutlich als normaler Dorf-Zimmermann. Irgendwann konnte er nicht mehr nur zuschauen. Er heilte zunächst einzelne Kranke, doch hatte er seinen Jüngern verboten, zu sagen, wer er sei. Je mehr er mitfühlte, desto weniger konnte er untätig bleiben. Am Ende ging er ans Kreuz, um allen ein ewiges Leben anzubieten. Hatte die Menschwerdung Gottes genau diese Motive gehabt? Lesen Sie Johannesevangelium 3,16 und urteilen Sie selbst!

Das Gespräch wurde tiefer und nun war es Zeit, mehr von mir zu zeigen. "Er war ein Teil von mir. Ich habe keinen, mit dem ich im Urlaub reden kann." sagte sie. Ich erwiderte: "In der Bibel steht ein wunderschönes Bild. Eva ist aus Adams Rippe entstanden. Die Rippe liegt ganz nah am Herzen. Sie war ein Teil von ihm. Ohne die Rippe fehlt etwas." Sie nickte.

Ich glaube, ich hatte sie auf dieser Ebene erreicht.

Und doch bin ich ihr vielleicht ein Angebot schuldig geblieben. Ein Hinweis auf die Möglichkeit, im Gebet auch zu Gott zu sprechen, hätte Distanz zu mir schaffen können, aber auch Nähe zu Gott. Distanz, wenn sie sich nicht verstanden gefühlt hätte. Beten hätte ihr ja nicht ihren Mann zurück gebracht. Ich wollte sie nicht vertrösten, ohne ihr bis zum Ende zugehört zu haben.

Und Nähe zu Gott? Gebete sind nicht zuerst dafür da, um ein Ziel zu erreichen, sondern um mit Gott reden und Lasten loswerden zu können. Wir beten zu einem nahen Gott, der uns gut kennt und immer zuhört. Genau so muss ihr Mann für sie gewesen sein. Genau das hatte ihr am meisten gefehlt.

Das Gespräch schlief, weil wir alle müde waren, ein, als das Licht ausging. Die Menschen waren erschöpft. Rechts unten hatte uns schon um Themenwechsel gebeten. Als wir uns am nächsten Morgen für immer verabschiedeten, winkten wir uns still zu und hatten nicht einmal unsere Namen ausgetauscht. Und doch kann Gott durch jede menschliche Begegnung zu und durch uns sprechen und uns etwas lehren. Wir werden beide "etwas zum Weiterdenken" mitgenommen haben.

 

Ihr Pastor Küsgen


 
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